Heißes Thema in der Oldtimer-Szene: „Echt oder gefälscht?!“

Absolut authentisch oder frecher Fake? Diese Frage stellt sich für viele Oldtimer-Kaufinteressenten nicht nur mehr nur bei Hochpreis-Klassikern wie Vorkriegs-Bugatti, Alfa Romeo GTA oder Porsche RS. Auch „Brot-und-Butter Autos“ sind betroffen. Eine Diskussionsrunde mit Experten suchte auf der dritten Motorworld Classics Berlin nach Klarheit. Und fand im Palais am Funkturm Ratschläge für Kaufinteressenten und Oldtimer-Liebhaber …

Diskussionsrunde Motorworld Classics Berlin mit Deuschle, Stromberg, Koop, Klein und Gregor

„Von ehemals 24 gebauten Mercedes-Benz SSK sind noch 123 existent.“

Wohlgemerkt: das gilt zum jetzigen Zeitpunkt. Vielleicht kommen in den nächsten Jahren noch ein paar dazu. – Was immer wieder gerne als das Paradebeispiel für das heiße Thema „gefälschte Fahrzeuge“ angeführt wird, beschreibt ein Phänomen, welches mittlerweile längst nicht mehr nur das Hochpreissegment betrifft. „Gefährdet sind praktisch alle Baureihen unterschiedlicher Hersteller, die attraktive und begehrte Top-Modelle hervor brachten“, stellte Peter Deuschle, Gutachter für klassische Fahrzeuge anlässlich einer Podiumsdiskussion auf der diesjährigen Motoroworld Classics Messe Berlin gleich zu Beginn der Expertenrunde klar. Alexander Gregor von der Motorworld Manufaktur moderierte die Diskussion am Freitag, den 6. Oktober und holte sogleich Martin Stromberg, geschäftsführenden Gesellschafter von Classic Data in den Kreis: „Grundsätzlich reden wir bei der Oldtimerei unverändert um ein seriöses Hobby. Leider nur haben die Wertsteigerungen von gewissen Fahrzeugen zu viele Menschen mit zu viel Geld auf den Plan gerufen, die von der eigentlichen Materie wenig bis gar keine Ahnung haben. Das ruft dann leider Betrüger auf den Plan, was wiederum der gesamten Szene schadet.“ Denn auch besonders beliebte Fahrzeuge im unteren Preissegment fielen Fälscher zum Opfer: etwa Golf I GTI oder NSU Prinz vs. TT.

Beachtliche Bandbreite von Schäden

Der komplette Identitätswechsel eines Fahrzeugs dokumentiert dabei allerdings bereits einen Fall, der von erheblicher krimineller Energie zeugt. Am anderen Ende des Spektrums stehen schlicht unwahre Zustandsbeschreibungen, gefälschte Wartungseinträge, verschleierte Modifikationen oder auch Manipulationen am Tachometer. Bewusst vorgenommen sind dies eindeutig keine Kavaliersdelikte, sondern Handlungen, die auf Betrug ausgelegt sind. Hieraus resultieren letztlich Vermögensschäden, weil die Abweichung vom tatsächlichen Zustand sich ganz ganz erheblich in harten Euro auswirken kann. Die Bandbreite reicht dabei von einigen Hundert oder Tausend Euro bis hin zu siebenstelligen Beträgen – je nach Objekt und Ausmaß der Fälschung. Eine Zeche, die der gutgläubige Käufer zahlt. Und im Falle des bösen Erwachsene, nach Schlichtung oder langwierigem Rechtsstreit manchmal auch vom Verkäufer oder Händler mit zu tragen ist.

Man darf alles verkaufen, solange …

Wie also damit umgehen? Ansgar Klein, geschäftsführender Vorstand vom Bundesverband freier Kfz-Händer e.V., formulierte seine Händlersicht so: „Man darf grundsätzlich alles verkaufen, muss es nur richtig beschreiben.“ Dazu gehöre dann auch, etwaige „Identitätsprobleme“ klar zu benennen. „Ich kenne eigentlich niemanden, der sich über einen unechten Alfa Romeo GTA oder Junito mit 2,0-Liter Motor beschwert, solange der Eigentümer damit offen umgeht“, stimmte Stromberg zu. Doch wenn diese Ehrlichkeit fehle, befinde man sich inmitten des Problems. Das bloße H-Kennzeichen oder ein einfaches technisches Gutachten reiche im Ernstfall kaum aus, die exakte Identität des Fahrzeugs zweifelsfrei zu bestimmen, entgegnete Dr. Götz Knoop, Automobil-Jurist und DEUVET Vizepräsident. Wenn dann noch mit gehöriger krimineller Energie Fahrzeugpapiere, ganze Historien, wesentliche Teile, Identnummern und am Fahrzeugrahmen eingeschlagene Typnummern gefälscht werden, wird es selbst für ausgewiesene Experten einer Baureihe gelinde gesagt anspruchsvoll. Immer wieder sollen auch so geklaute Fahrzeuge nachträglich mit einer „ blitzsauberen“ Fahrzeuggeschichte ausgestattet werden, um sie dann wiederum vermeintlich ohne Rechtsmangel veräußern zu können. Ganz nebenbei berge dies eine weiter Gefahr: „Wer wissentlich ein solches Auto erwirbt und fährt, ist noch lange nicht der rechtmäßige Eigentümer“ sagt Knoop. Hier drohe die nachträgliche Herausgabe als nachträgliches Risiko. Bei bekannt gewordenen Totalfälschungen könne zudem die Fahrzeugzulassung auf dem Spiel stehen.

Drum prüfe, wer sich bindet. Gründlich!

Wie aber kann man sich als Käufer denn vor Fahrzeugschwindel und handfestem Betrug wehren, wollte Alexander Gregor wissen. Hier war sich die Runde schnell einig: Je attraktiver das Fahrzeug und Angebot, desto mehr Vorsicht sei angezeigt. Die Kurzformel lautet: „Kritisch sein, alles prüfen und viel Recherchieren!“ Die Einschaltung eines unabhängigen Gutachter ist empfehlenswert – natürlich vor dem Kauf! Und Achtung: die Gutachter-Bezeichnung ist nicht gesetzlich geschützt. Idealerweise wendet man sich an einen vereidigten, vielleicht sogar öffentlich bestellten Gutachter, der einen entsprechenden Ruf genießt und diesen kaum verlieren möchte. Dabei nicht nur auf die technische Überprüfung des Fahrzeugs achten. Die akribische und gern auch mehrfache Überprüfung der absoluten Übereinstimmung von Fahrzeug und Papieren (Sichtwort: Tippfehler bei Fahrgestellnummern o.ä.) ist ein weiteres Muss beim Check vor dem Kauf. Auch eine Überprüfung von Fahrzeugen in Fahndungsdatenbanken helfe, ein Auto ohne Rechtsmangel zu erwerben. Ein guter Verkäufer sollte hierbei immer helfend zur Hand gehen und selbst für Transparenz sorgen. Auch er schützt sich damit vor späterer Haftung und Regress. Ein guter Händler weiß sowieso: bei überschnellem Handeln folgt auf den Kaufrausch zumeist die Kaufreue. Wenn dann noch Sachmängel im Raum stehen, ist der Rechtsstreit programmiert. Martin Stromberg hat einen abschließenden Appel an die gesamte Szene: „Betrachtet alte Autos wieder mehr als Hobby, denn als Investment. Damit ist allen geholfen.“

Sogar denjenigen, die sich auf dem Oldtimer-Olymp umsehen dürfen, wie etwa bei besagten SSK-Modellen…


Das Thema interessiert eine Menge Leute rund um die Oltdimerei. Wohl auch deswegen wurde der Bericht mittlerweile von drei anderen Magazinen veröffentlicht: